Jeder spricht davon, jeder bemüht sich darum, jeder hätte sie gern: eine gesunde Work Life Balance. Aber was ist das eigentlich genau und wie lassen sich Familie und Karriere vereinen? Frank Behrendt, auch als „Guru der Gelassenheit“ bekannt, erklärt im Interview mit pressrelations Blog, wie Sie gelassen und entspannt im Job und Alltag bleiben und mit welchen Maßnahmen Unternehmen die Work Life Balance Ihrer Mitarbeiter fördern können.

pressrelations Blog: Hallo Frank, in deinem Buch „Liebe dein Leben und NICHT deinen Job“ plädierst du für mehr Gelassenheit und für mehr Mut zu einer gesunden „Work Life Balance“. Was verstehst du genau darunter? Die Idee an sich ist ja nicht neu…
Frank Behrendt: Es geht mir darum, dass wir in einer immer schneller tickenden Welt nicht den Blick für das Wesentliche verlieren. Die Herzensmenschen. Sie sollten Priorität haben. Und der Job sollte sich in das Leben einfügen und nicht umgekehrt. Mich erschreckt die zunehmende Zahl an Erkrankungen infolge von Überforderung und Stress im Job. Dagegen müssen wir etwas tun. Ich habe für mich persönlich einen Weg gefunden, mit dem die mir wichtigsten Menschen und ich happy sind und mit dem ich garantiert nie ein Burn-out erleide. Den teile ich und möchte inspirieren und zum Nachdenken anregen. Nicht mehr und nicht weniger.

pressrelations Blog: Auch bei uns, als mittelständischer Medienbeobachter mit dem Anspruch, unseren Mitarbeitern auf Augenhöhe und partnerschaftlich zu begegnen, ist „Work Life Balance“ ein großes Thema. Wir bieten unseren Mitarbeitern zum Beispiel die Möglichkeit, im Home Office oder an anderen Standorten zu arbeiten und haben mit vielen Kollegen und Kolleginnen individuelle Teilzeitmodelle vereinbart. Wie bewertest du diese Möglichkeiten und was würdest du noch empfehlen?
Frank Behrendt: Das finde ich alles wichtig und richtig und zeitgemäß. Die Arbeitswelt wird und muss sich verändern, mehr Flexibilität ist dabei das zentrale Thema. Die Zukunft wird sein, dass es eine noch stärkere Individualisierbarkeit solcher Modelle gibt, die den sich verändernden Lebensumständen Rechnung tragen. Wichtig ist aber immer, dass auch die Interessen des Arbeitgebers berücksichtigt werden. Partnerschaft heißt immer, dass beide Seiten happy sind. Ein einseitiges Wunschkonzert klingt nie harmonisch im Konzertsaal der Arbeitswelt.

pressrelations Blog: Was rätst du Unternehmen, wie sie mit Widersprüchen zwischen den Arbeitsanforderungen und dem individuellen Bestreben der Mitarbeiter umgehen sollten? Um dir ein Beispiel zu geben: An uns wird von Mitarbeiterseite immer wieder der Wunsch herangetragen, flexibel mit Gleitzeiten arbeiten zu können. Dagegen stehen rigide Deadlines für Kundenprojekte oder die Erreichbarkeit von Kundenberatern und Projektverantwortlichen. Ebenso lösen die vielen festen Deadlines auf Dauer oft Stress aus, ohne, dass wir als Arbeitgeber die Möglichkeit haben, hier etwas Grundlegendes zu ändern.
Frank Behrendt: Es gibt Deadlines, die sind nicht zu ändern, die sind fix und da kann man sich die Energie sparen, sich darüber zu ärgern. Es gibt aber auch eng gesetzte Deadlines, die durch fehlende Offenheit und mangelnde Kommunikation in Bezug auf Machbarkeit unter akzeptablen Bedingungen entstehen. Daran kann man arbeiten. Und auch Kunden sind Menschen, mit denen man reden kann. Alles kann man nicht ändern, aber einiges schon. Was die Trennung von Arbeits- und Privatleben betrifft, propagiere ich ja eine Verschmelzung der beiden Welten. Das Umschalten sollte situativ im Kopf passieren und nicht von einem statischen Feierabend abhängen. Wenn klar ist, wann was geliefert werden muss, können Mitarbeiter das dann künftig noch individueller in ihren persönlich passenden Timelines abarbeiten. Gerne auch abends daheim auf dem Sofa, weil sie vorher mit den Kids unterwegs waren. Das Ergebnis muss stimmen, egal wo und wann es erbracht wird. Auch die Technik mit smarten Tools für effizientes Projektmanagement und Zusammenarbeit hilft da oft gut weiter.

pressrelations Blog: In einem Interview hast du einmal gesagt „Der Schlüssel zur Gelassenheit liegt – so paradox das klingen mag – in der Disziplin und der Konsequenz. Vor allem, wenn es darum geht Dinge, nicht mehr zuzulassen.“ Wie passt das deiner Ansicht nach mit der Forderung, die ebenfalls häufig von Psychologen gestellt wird, zusammen, dass Arbeit nur dann glücklich machen kann, wenn sie als erfüllend und in gewisser Weise auch identitätsstiftend wahrgenommen wird? Gibt es – Stichwort „innere Kündigung“ – nicht vielleicht auch ein Zuviel an Abstand und Gelassenheit?
Frank Behrendt: Da ist jeder anders. Es kann und muss nicht immer alles Sinn machen. Es wird immer Dinge geben, die jeder von uns machen muss, die weniger glücklich machen. Müll rausbringen und die Steuererklärung erstellen sorgen ja auch nicht für Glücksmomente. Wichtig ist, dass es für jeden etwas gibt in seinem Job, das ihm wirklich Freude macht. Wenn das nicht der Fall ist und man sogar darunter leidet, sollte man so ehrlich sein und kündigen. Die innere Kündigung ist kein nachhaltig erstrebenswerter Weg, denn er belastet auch den, der seinen Job aussitzt. Und nochmal, damit wir uns nicht falsch verstehen: Auch wenn ich Abstand habe und sehr gelassen bin, mache ich meinen Job ja sehr gerne und auch gut. Es kommt auf die Haltung an – und da bin ich der Überzeugung, dass etwas mehr Leichtigkeit am Ende nicht nur mehr Spaß ins Arbeitsleben bringt, sondern auch bessere Ergebnisse produziert.

pressrelations Blog: Im Vorwort deines neuen Buches sagst du zudem „nur mit Gelassenheit bleibst du handlungsfähig“. Ist es aber nicht mindestens genauso wichtig, proaktiv mitzudenken, Probleme aktiv und auch engagiert anzugehen und damit ein Stück weit auch das Gegenteil von gelassen zu bleiben?
Frank Behrendt: Nun leg mal nicht jedes Wort auf die Goldwaage, etwas mehr Gelassenheit bitte : ) Eine entspanntere Grundhaltung hilft aus meiner Sicht, Probleme besser zu lösen, weil man nicht verkrampft. Wer mich kennt weiß, dass ich der Großmeister der Problemlösung, des proaktiven Mitdenkens und des Engagements bin. Das eine schließt das andere nicht aus.

pressrelations Blog: Neue Mitarbeiter empfinden – auch wenn es von der Führungskraft nicht gewollt ist – oftmals eine innere Getriebenheit nach ständiger Optimierung – insbesondere in Abgrenzung zu Kollegen, mit denen sie im Wettbewerb um den nächsten Karriereschritt stehen. Work Life Balance ist dann eher ein Thema, dem man sich irgendwann einmal widmen will. Welche Impulse würdest du setzen, um ein Umdenken zu erzielen?
Frank Behrendt: Wer krampfhaft Karriere machen will, macht irgendwann keine mehr. Ich wollte nie irgendwas Bestimmtes werden und habe nie mit zusammengebissenen Zähnen irgendeinen Posten angestrebt. Vieles passiert, es gibt immer wieder ein Momentum, wo man zur rechten Zeit am richtigen Ort bereit sein muss. Und die positiven, netten, integrierenden Kollegen befördert ein guter Chef sowieso lieber als die verkrampften Ehrgeizlinge. Eines ist aber klar: egal ob gelassen oder verkrampft: Nur wer was drauf hat, kommt weiter. Also Kompetenz ist on the long run essenziell. Blender und auch die fiesen, unkollegialen Kollegen fliegen früher oder später aus der Kurve.

pressrelations Blog: Was wäre dein Tipp, wie Unternehmen ihre Mitarbeiter auf dem Weg zu einem gesunden Arbeiten bestmöglich unterstützen können?
Frank Behrendt: Schenkt ihnen mein Buch!

pressrelations Blog: Abschließend noch eine persönliche Frage: Mitte der 90er Jahren haben wir* gemeinsam für eine große PR-Agentur gearbeitet. Wenn du darauf zurückblickst, was hat sich deiner Einschätzung nach seitdem in der Einstellung zur Work Life Balance verändert?
Frank Behrendt: Das Thema ist viel präsenter. Die Welt hat sich verändert. Alles ist schneller und hektischer geworden. Und es geht weiter. Die Sehnsucht nach Balance wächst. Und wir müssen sie finden, denn sonst werden wir künftig krankheitsbedingte Ausfälle haben, die die jetzt bereits bedenklichen Zahlen noch weit übertreffen. Und das kann kein Zukunftsmodell sein.

Vielen Dank für das Interview!

Das Buch „Liebe dein Leben und NICHT deinen Job“ ist gerade im Gütersloher Verlagshaus erschienen und kostet 17,99 Euro.

*Fragensteller hat mit Frank Behrendt gearbeitet.

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Oliver Plauschinat

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