Auch wenn die re:publica in diesem Jahr unter dem Motto „To long, didn’t read“ stand, gilt tl’dr in dieser Strenge für Texte im Web schon lange nicht mehr – vor Allem angesichts der gegenläufigen Entwicklung von längeren Texten in Onlinemedien. Die Gründe dafür sind vielfältig, hängen aber mit geänderten Nutzungsgewohnheiten, geänderten SEO-Algorithmen und einer anderen Wahrnehmung von Onlinemedien zusammen. Aber der Reihe nach.

Über 12 Jahre hinweg (von 2007 bis 2019) haben wir die durchschnittliche Artikellänge von 20.000 Artikeln aus den 10 wichtigsten deutschen Onlinemedien* festgehalten und analysiert. Wie sich zeigt, sind Artikel von heute mit im Durchschnitt 732 Zeichen deutlich länger als zu Beginn des Internetbooms. Zum Vergleich: 2011 lag die durchschnittliche Artikellänge noch bei 521 Zeichen, im Jahr 2007 bestand ein Beitrag im Schnitt aus 514 Zeichen.

Grafik die, die Entwicklung der Artikellänge im Zeitverlauf zeigt

Auffällig dabei ist, dass die Länge der Artikel aus 2007 von Medium zu Medium wesentlich stärker schwankte, als es heute der Fall ist. So veröffentlichte zum Beispiel bild.de 2017 ihre Artikel mit durchschnittlich 133 Zeichen, heute kommt ein Bildartikel im Schnitt auf 547. Dagegen hat sich die mittlere Artikellänge der WirtschaftsWoche nur geringfügig verändert: 2007 bestand ein durchschnittlicher Artikel hier aus 716 Zeichen, heute sind es 749.
Dass ein Medium wie der Stern (2017 betrug die Länge im Durchschnitt 536 Zeichen, aktuell sind es 676), der traditionell vor allem von Features und Hintergrundberichten lebt, längere Artikel veröffentlicht, als ein Medium, das eher auf eine tagesaktuelle Berichterstattung abzielt, ist leicht verständlich. Doch weshalb hat sich ein Trend hin zu längeren und komplexeren Artikeln über sämtliche untersuchten Medien hinweg entwickelt?

Das Lesen im Netz wird selbstverständlicher und fokussierter

Einer der möglichen Gründe ist sicher im Leseverhalten der Nutzer zu suchen. Noch 2014 kreisten zahlreiche Studien zum Online-Leseverhalten darum, dass das Lesen im Internet vor allem zu „skimmen“ und „scannen“ verleitet, also zu einem oberflächlichen Überfliegen der Stichworte. Zu Beginn des Internetbooms, so eine Nielsen-Studie aus dem Jahr 1997, fokussierte sich die Aufmerksamkeit von Lesern im Web vor allem auf den Beginn (Teaser) eines Textes. Zudem wurden die angebotenen Zwischenheadlines und optisch herausgehobene Schlüsselbegriffe stark beachtet. Leser fokussieren sich dieser Studie zufolge bei Texten im Web in Form eines F. Das heißt, alles was auf dem Monitor links und am Anfang steht, wird relativ gut erfasst, alles andere nur am Rande wahrgenommen. Daraus folgte für Onlineredakteure: Online-Beiträge mussten knapp, präzise und leicht konsumierbar sein. Und das obgleich eine Nutzung über mobile Devices, die das Lesern online zusätzlich erschweren, eher die Ausnahme als die Regel war.
Seitdem haben sich die Lesegewohnheiten im Netz allerdings massiv verändert, das „F-Lese-Muster“ ist inzwischen umstritten. Heute beträgt die durchschnittliche Artikellänge im Netz 722 Zeichen (Mai 2019) und das Lesen online unterscheidet sich insbesondere bei den jüngeren Lesern nicht mehr fundamental von Lesegewohnheiten in der Offline-Welt, zumindest wenn es um anerkannte Medien geht. Wie „Take off PR“ 2016 schreibt: „Lange Inhalte funktionieren (wieder)“, da die durchschnittliche Verweildauer der Nutzer auf einer Seite ebenfalls konstant ansteige. Damit einher ging ein Trend zu Slow-Media-Formaten, der u.a. auch den Boom von Formaten wie Podcasts und Videoblogs beflammte.

Mit diesen Veränderungen eng verknüpft ist zudem ein neu organisierter Google-Algorithmus, der u.a. Textinhalte bevorzugt, die Anfragen holistisch und in der Tiefe beantworten. Beiträge, die zu knapp und einseitig bleiben, werden dagegen mit einem schlechten Ranking-Ergebnis abgestraft. Die Agentur ContentConsultants kommt 2018 sogar zu dem Schluss, dass längere Texte häufiger geteilt werden, als kürzere. Das hängt zum einen natürlich damit zusammen, dass sie über die klassischen Suchmaschinen aktuell besser aufzufinden sind. Ein weiterer Grund ist jedoch auch, dass längere Texte oft einen größeren Mehrwert für Leser bieten, die sich umfassend informieren möchten. Diesem Trend kann im übrigen auch die verstärkte Nutzung des Webs über mobile Devices nichts anhaben – laut der Consumer Barometer Studie stieg der Anteil der Internetnutzer, die mobil ins Netz gehen, 2017 bereits um mehr als 50%. Alle diese Entwicklungen weisen darauf hin, dass Mediennutzer den Informationsmöglichkeiten im Netz zunehmend höhere Bedeutung beimessen. Ein Umstand, der sich umgekehrt auch in der Nutzung, den Auflagen und den Reichweiten von Printmedien niederschlägt: Gerade die klassischen Informationstitel wie Tageszeitungen und politische Magazine büßen seit Jahren an Auflage und Reichweite ein und können dies zumindest zum Teil durch ihre Onlinepräsenzen wett machen.

*Untersuchte Titel aus dem Zeitraum 2007-2019:
Handelsblatt, Bild, Wirtschaftswoche, Spiegel online, Focus Online, Stern, Süddeutsche Zeitung, Welt, Frankfurter Allgemeine Zeitung

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