Die Westbalkanländer befinden sich in unterschiedlichen Stufen des EU-Beitrittsprozesses – mit Ausnahme Kroatiens, das schon EU-Mitglied ist. Vor dem Hintergrund der Beitrittsbestrebungen hat preceptor, das medienwissenschaftliche Institut des global agierenden Medienbeobachters pressrelations, eine Studie zur Medienlandschaft auf dem Westbalkan durchgeführt.
Im Zentrum der preceptor-Studie stand die Frage: Wie unabhängig sind die Medien auf dem Westbalkan? Remzi Lani, Direktor des albanischen Medieninstituts, beschreibt die Medienlandschaft auf dem Balkan als „…lebendig, chaotisch, intransparent, überladen, defragmentiert und teilweise frei.“ Ein Bericht von „Reporter ohne Grenzen“ stellt den meisten potenziellen EU-Beitrittskandidaten auf dem Westbalkan ein schlechtes Zeugnis aus. Auch die Europäische Kommission bringt regelmäßig ihre Besorgnis hinsichtlich der Einmischungen der Politik in die Arbeit der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten, der fehlenden transparenten öffentlichen Finanzierung der Medien sowie der Bedrohung und Einschüchterung investigativ arbeitender Journalisten auf dem Westbalkan zum Ausdruck.
Wie schwierig die Situation ist, zeigt ein aktuelles Beispiel beim zehnten South East Europe Media Forum, das Ende November 2016 in Belgrad stattfand. Während der Eröffnungsrede des serbischen Ministerpräsidenten Vučić, der über Medienfreiheit in Serbien sprach, verließen einige serbische und montenegrinische Journalisten aus Protest den Raum. Sie fanden es heuchlerisch, dieser Rede zuhören zu müssen, da die Realität durch die Beeinflussung ihrer Arbeit seitens der Politik und anderer Organe bestimmt ist.

Medienberichterstattung auf dem Westbalkan – Frei aber nicht unabhängig
Zwar bestehen mittlerweile viele Gesetze zur Informations- und Pressefreiheit, aber es gibt keine Regel, dass diese auch tatsächlich eingehalten und geschützt werden, wie auch das Directorate-General for external policies of the EU im Rahmen der Studie „Freedom of Media in the Western Balkans“ bestätigte. Daher besteht eine ständige Sorge um die Einhaltung der Pressefreiheit.

Rangliste Pressefreiheit westbalkan

Die folgende Abbildung von „Reporter ohne Grenzen“ zeigt, wie die Länder auf dem Westbalkan im Hinblick auf ihre Pressefreiheit abschneiden.

Obwohl in den letzten beiden Jahrzehnten die Medienmärkte weitgehend liberalisiert worden sind, ist die Arbeit der Journalisten sowie die Rolle der Medien weiterhin problematisch. Die Lage ist geprägt durch qualitative Mängel in der Berichterstattung, in der Ausbildung der Journalisten sowie in der Einhaltung ethischer Standards. Zudem bestehen politische und wirtschaftliche Abhängigkeiten und es kommt noch zu häufig zur Vermischung von Privatem und Staatlichem.
Problematisch ist auch, dass im Stile eines Verlautbarungsjournalismus schlichtweg reproduziert wird, was Politiker gesagt haben, ohne das Gesagte zu analysieren und zu hinterfragen. Das untergräbt die Professionalität der Journalisten. Eine Ursache liegt darin, dass ein Großteil der Journalisten ohne fundierte Ausbildung den Beruf ausübt. Die Selbstzensur unter ihnen ist verbreitet – aus Angst vor Jobverlust, vor Drangsalierungen und aufgrund mangelndem professionellen Selbstverständnis. Diese Bedingungen machen Journalisten im Westbalkan wirtschaftlich anfällig und weniger fähig, dem wirtschaftlichen und politischen Druck zu widerstehen. Dieser Druck wird einerseits direkt von Politikern ausgeübt, wohlgesonnen zu berichten, andererseits sind die Medien von wenigen einzelnen Mogulen abhängig, die ihren Einfluss unter anderem auch über Geld geltend machen.

Fehlende Glaubwürdigkeit der Medien
Eine unmittelbare Folge ist, dass Journalisten und Medien generell ein geringeres Ansehen in der Bevölkerung haben und nicht als unabhängige Instanz angesehen werden. Dieses Problem spiegelt auch die Studie „Trust in Media 2016“, im Auftrag der European Broadcasting Union, wider.  Hier schnitten viele südeuropäische Medien in puncto Glaubwürdigkeit schlecht ab.

Vertrauensindex in die Medien auf dem Westbalkan

Vertrauen in die Presse in EU-Staaten und EU-Beitrittskandidaten. Es fehlen Bosnien und Herzegowina. Quelle: Vertrauen in die Presse in den EU-Staaten (2016). Verband privater Rundfunk und Telemedien. Verfügbar unter: http://www.vprt.de/sites/default/files/Trust_in_Media_2015_Presse.jpg)

„Leser und Zuschauer sehen Journalisten als von verschiedenen Interessengruppen und Politik beeinflusst, und als eine korrupte Kraft“, schreibt die „Media freedom and its enemies in the Balkans“ von BIRN (Balkan Investigative Reporting Network).

Medienangebote – Medienpluralismus bedeutet nicht Vielfalt
Das große Angebot an unterschiedlichen Medien auf dem Westbalkan sagt nichts über den Pluralismus in der dortigen Berichterstattung aus. Einige der wenigen verbliebenen Qualitäts-Printmedien kämpfen ums Überleben, während die überwiegende Masse an Boulevardmedien hohe Auflagen verzeichnet.
Zudem ist die Intransparenz der Eigentümerverhältnisse und Finanzquellen ein sehr großes Problem in der Medienlandschaft. Oft ist nicht bekannt, wer genau hinter welcher Mediengruppe steht.  Solche Angaben sind sehr oft nicht verfügbar – es gibt keine Informationsgemeinschaft, wie z. B. die IVW in Deutschland, die die Daten sammelt und der Öffentlichkeit zur Verfügung stellt.
Solange aber keine Transparenz der Eigentümerverhältnisse in der westbalkanischen Medienlandschaft besteht, kann die Auflösung einer markt- und meinungsbeherrschenden Stellung nicht effektiv bekämpft werden.

Im Überblick finden Sie die relevanten Printmedien des Westbalkans, gewichtet auf Grundlage der gesellschaftlichen Akzeptanz:

Top Medien (Print) auf dem Westbalkan

Top Medien (Print) auf dem Westbalkan

Medieninhalte – Masse statt Klasse
Laut der Studie „Analyse Printmedien in Serbien“ stehen hauptsächlich Ereignisse aus dem Inland im Mittelpunkt der jeweiligen Berichterstattung. Journalisten informieren überwiegend über das einheimische politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Geschehen. Kritische Berichterstattung findet dabei kaum statt. Investigativer Journalismus hat im Westbalkan keinen großen Stellenwert. Die meisten Medien sind nicht bereit, professionelle Standards einzuhalten, u.a. auch weil sie von verschiedenen Parteien und Interessengruppen kontrolliert und finanziert werden.

Fazit: Wurde früher im Kommunismus von Seiten des Staates Zensur auf die Medien ausgeübt, sind es heute viele Faktoren, die auf unterschiedliche Weise Druck auf Medien und Journalisten ausüben. Die unabhängige Berichterstattung wird durch politische, wirtschaftliche Pressionen aber auch durch die qualitativ mangelhafte Ausbildung der Journalisten stark beeinträchtigt.
Das Europäische Parlament hat bereits konkrete Empfehlungen zur Sicherstellung der Pressefreiheit auf dem Westbalkan erstellt. So sollen die Kommissionen und Mitgliedsstaaten die Behörden in den westlichen Balkanstaaten dazu drängen, die Einschüchterung von Journalisten einzustellen. Zudem sollen sie dem Thema Pressefreiheit bei den Beitrittsverhandlungen oberste Priorität einräumen. Denn: Solange auf dem westlichen Balkan eine starke unabhängige Medienlandschaft fehlt, werden die Medien die Glaubwürdigkeit und das Vertrauen ihrer Bevölkerung kaum zurückgewinnen können.

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Marija Maksimovic
Marija Maksimović aus Serbien ist Praktikantin bei preceptor. Im Rahmen ihres Praktikums unterstützt sie das Team u.a. bei der Analyse-Codierung, Produktion und Datenanalyse. Derzeit befindet sie sich im drittem Semester des Masterstudiums Angewandte Medienforschung an der TU Dresden und hat zuvor Journalistik in Serbien studiert und als Journalistin gearbeitet.

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