Die Begeisterung für Kommentarfunktionen, die den direkten Austausch von Leser und Redaktion sowie von Leser zu Leser ermöglichten, war, als zu Beginn der 2000er Jahre der Onlinejournalismus zu boomen begann, zunächst bei Nutzern und Journalisten nahezu ungebrochen. Später verstärkte das Social Web mit seinen Möglichkeiten zum (fast) direkten Kontakt die Kommentarfunktion für „reguläre“ Onlinemedien zusätzlich. Plötzlich waren Leser nicht mehr zum stummen Hinnehmen bzw. dem Schreiben von Leserbriefen (die, wenn überhaupt, möglichweise nur gekürzt veröffentlicht wurden) verdammt, sondern konnten ihre eigene Meinung direkt, unmittelbar und öffentlich kundtun.

Was zunächst als ideale Möglichkeit für einen freieren, faireren und offenen Dialog zwischen Leser und Redaktion sowie zwischen den Lesern selbst gefeiert wurde, erwies sich in der Praxis als Bumerang. Schnell zeigte sich, dass oft vor allem diejenigen am meisten Gehör finden, die extreme Positionen vertreten und wenig Interesse an einem tatsächlichen Austausch haben. Heute ist es daher üblich, Kommentare zuerst redaktionell (oder automatisch) zu filtern bevor sie öffentlich zu sehen sind, viele große Medien gehen sogar dazu über, die Kommentarfunktionen zu ihren Artikeln gleich ganz zu sperren. Eine Entwicklung, die aller Digitalisierung zum Trotz fast schon wieder zum guten alten Leserbrief führt. Für uns Grund genug, der Frage nach zu gehen, ob Kommentare im Onlinejournalismus eine Zukunft haben – ein Thema, über das wir auch innerhalb der Redaktion mehr als uneins sind.

Pro: Es lebe der Diskurs – neue Technologien erleichtern eine sinnvolle Filterung
(Eva Wenzel)

Sicher, aktuell erleidet die Kommentarfunktion auf vielen großen Onlineportalen herbe Rückschläge. Statt freiem 24/7-Diskurs können Leser sich nur während der Redaktionszeiten austauschen, wenn die Kommentare auch moderiert und gefiltert werden können. Häufig wird die Funktion gar nicht erst frei geschaltet, gerade bei brisanten Themen zu Politik und Gesellschaft. Dennoch bin ich sicher, dass das Kommentieren und Diskutieren redaktioneller Inhalte im Onlinejournalismus weiterhin eine große Rolle spielen wird. Schon heute kann es sich kaum eine Redaktion leisten, die Funktion leichtfertig dauerhaft abzuschalten – der Sturm der Entrüstung schlägt sich an anderer Stelle umso schärfer nieder. Stattdessen setzen Medien, sofern sie es sich personell leisten können, vermehrt auf einen moderierten Dialog, bei dem Kommentare erst von den Redaktionen frei gegeben werden und/oder die Leser sich erst registrieren müssen, um überhaupt eine Berechtigung zum Kommentieren zu erhalten. Andere Medien bedienen sich technischer Lösungen, um Spam-, Hass- und Troll-Kommentare auszuschließen. Möglichkeiten dafür gibt es bereits.

Von Seiten der Leser ist der Wunsch nach einem möglichst freien Kommentieren in jedem Fall ungebrochen – Beiträge auf reichweitenstarken Medien haben mitunter schon kurz nach der Veröffentlichung zahlreiche Kommentare, nicht zu sprechen von den Diskussionen, die sich parallel auf Twitter, Facebook und Co. entspinnen. Beflammt wird die Freude an und der Wunsch nach Möglichkeiten, eine eigene Meinung abzugeben, nicht zuletzt durch die Macht der Gewohnheit: Schließlich sind wir (fast) alle Nutzer des Social Webs, das ohne Kommentieren, teilen und vielfältige weitere Möglichkeiten zur Interaktion schlichtweg undenkbar und auch sinnlos wäre.

Contra: Die Kommentarfunktion kostet zu viel
(Bojan Radoja)

Die Kommentarfunktion stirbt zunehmend aus und wird von den Redaktionen immer seltener zur Verfügung gestellt. Die Gründe hierfür sind vielfältig, lassen sich aber im Wesentlichen auf die Faktoren „Geld & Zeit“ zurückführen, wobei Zeit natürlich auch wiederrum Geld ist.

Nach deutschem Recht sind Redaktionen für die Inhalte verantwortlich, die sich auf ihren Webseiten und Portalen befinden. User-Kommentare zu Beiträgen werden dabei ebenso als redaktionelle Inhalte gewertet, wie die Artikel selbst. Wie die Praxis gezeigt hat, entspinnen sich allerdings gerade bei Artikeln zu heiklen Themen oft und gerne hitzige Diskussionen.  Und leider entbehren Kommentare dazu allzu häufig jeglicher faktischen Grundlage, sind politisch inkorrekt oder enthalten sogar rechtlich strittige Behauptungen.

Aufgrund der Rechtslage sind die Webseitenbetreiber verpflichtet, diese Kommentare schnellstens zu löschen. Allein das kann schon zur intellektuellen Herkulesaufgabe werden: Wo soll die Grenze gezogen werden? Welche „Schärfe“ kann noch geduldet werden, ab wann ist die Grenze des guten Geschmacks, der Fairness und Meinungsfreiheit überschritten? Wer soll und kann das gerecht und unter Zeitdruck sinnvoll entscheiden? Knapp besetzte Onlineredaktionen, deren Hauptaufgabe eigentlich in der Erstellung hochwertigen Contents liegt, sind mit diesen Aufgaben verständlicherweise überfordert. Außerdem müssten Sie idealerweise 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche die Kommentare prüfen und ggf. zensieren, was sie zeitlich nicht leisten können.

Über kurz oder lang ist die Kommentarfunktion daher nicht zu halten. Früher oder später wird einem Redakteur ein relevanter, heftiger Kommentar durchgehen, was rechtliche Konsequenzen für das Medium nach sich ziehen wird. Spätestens dann wird das Medium höchst wahrscheinlich die Möglichkeit zum Kommentieren des Artikels einstellen.

Zusammenfassend lässt sich also feststellen, dass die Kommentarfunktion bei der aktuellen Gesetzeslage zu viele Risiken birgt und daher für Onlinemedien keine sinnvolle Ergänzung ihres Angebotes ist. Unberührt sind davon natürlich Kommentare und Diskussionen in sozialen Netzwerken, die es weiterhin in allen Formen geben wird. Da hier die Rechtslage allerdings völlig anders ist und nicht die Redaktion, deren Artikel möglichweise Auslöser der Diskussion war, haftet für rechts- oder sittenwidrige Kommentare.

Lassen Sie uns wissen, wie Sie über das Thema denken! – Wir sind gespannt!

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