Sieben Monate vor der Bundestagswahl 2017 haben SPD und CDU je einen Kanzlerkandidaten benannt: Angela Merkel (CDU) und Martin Schulz (SPD). Anhand einer vergleichenden Analyse der Antrittsankündigungen der beiden zeigen wir, in welchem Kontext sich die potenziellen Bundeskanzler präsentiert haben.
Mittels Frameanalyse*, einem Teilgebiet der Kommunikationswissenschaft, wurde untersucht, in welches Bedeutungsumfeld (subjektive Rahmungen) Angela Merkel und Martin Schulz ihre politischen Inhalte eingebettet haben.
Zusätzlich wurde beleuchtet, welche Themen im Fokus standen und wie stark diese die Reden inhaltlich dominierten.

Zwar war der Anlass für beide Ansprachen die Kanzlerkandidatur,  die formalen Bedingungen waren jedoch unterschiedlich: So sprach Angela Merkel im Rahmen einer Pressekonferenz im November 2016 über ihre Kandidatur.
Die Rede von Martin Schulz wurde hingegen am 29. Januar 2017 im Willy-Brandt-Haus bei der Vorstellung des SPD-Kanzlerkandidaten gehalten. Daraus ergibt sich, dass Angela Merkels Ankündigung vorrangig auf von Journalisten gestellten Fragen basierte, wohingegen Martin Schulz ungestört so sprechen konnte, so wie er es sich im Vorfeld überlegt hatte.

Welche Wörter werden am häufigsten gebraucht?

Die Rede von Martin Schulz besteht insgesamt aus 4.209 Wörtern. Er spricht hauptsächlich über soziale Gerechtigkeit, daher kommen „wir“ und „ich“ mit jeweils 55 Nennungen am häufigsten vor. Das Wort „unser“ wird 42 Mal verwendet und „Menschen“ 27 Mal.

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Die Rede der CDU-Kandidatin enthält hingegen nur 2.747 Wörter. „Wir“ sagt sie mit 43 Nennungen am häufigsten, „Wahlkampf“ 21 Mal und „Deutschland“ 11 Mal. Die eigene Partei nennt sie vergleichsweise selten (vier Mal).

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Die wichtigsten Themen: Gesellschaftlicher Zusammenhalt und soziale Gerechtigkeit

Bei den Themen gibt es einige Überschneidungen in beiden Ansprachen. Allerdings gewichten beide Kandidaten die Themen sehr unterschiedlich.
Angela Merkel rechtfertigt, entsprechend des Anlasses ihrer Rede, primär ihre Kandidatur. In Hinblick auf politisch relevante Themenbereiche dominieren ihre Ansprache gesellschaftlicher Zusammenhalt, Digitalisierung und die Flüchtlingskrise, die überraschenderweise nur 13,4 Prozent der Rede einnimmt.
Spitzenthema des sozialdemokratischen Kandidaten ist dagegen die soziale Gerechtigkeit. Über ein Viertel seiner Ansprache widmet Martin Schulz diesem Themenkomplex. Über die Flüchtlingssituation spricht er in 19,3 Prozent seiner Rede und zu 13 Prozent bezieht er sich auf das Thema Rechtsextremismus.

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Thema: Flüchtlingspolitik

Der nach wie vor hochaktuelle Themenkomplex Flüchtlingspolitik und Flüchtlingskrise spielt bei beiden Rednern eine Rolle, wenn auch in unterschiedlichen Ausprägungen: Während Angela Merkel weniger als 14 Prozent ihrer Rede auf dieses Thema verwendet, widmet sich Martin Schulz dem Thema mit mehr als 19 Prozent.
Im Rahmen seiner Rede befürwortet Schulz die Flüchtlingsaufnahme und die Gewährung politischen Asyls. Er veranschaulicht, in welcher brisanten Lage sich Flüchtlinge befinden, indem er ihre Situation mit bekannten Persönlichkeiten vergleicht, die während des 2. Weltkriegs verfolgt wurden: „… Heinrich Mann, Albert Einstein, Willy Brandt, Hannah Arendt oder Anna Seegers haben diese Erfahrung gemacht, dass sie ohne politisches Asyl den nationalsozialistischen Terror nicht überlebt hätten.“ Er verwendet vielfach den Begriff „Solidarität“, beispielweise wenn es um die räumliche Verteilung von Flüchtlingen geht.
Weiterhin stützt er seine Aussagen auf Plausibilitätsargumente, um dafür zu werben, dass lokale Vereine und Initiativen verstärkt gefördert werden „ …das [Integration] kostet Geld, das kostet sogar viel Geld und dabei dürfen wir die Länder und Kommunen nicht alleine lassen, weil sie die Hauptlast tragen“. Abgesehen von sachlichen Argumenten greift er in diesem Kontext vielfach auf rhetorische Mittel wie Klimax, Anapher und Hyperbel zurück, um die Wirkung seiner Aussagen zu verstärken. Insgesamt spricht er über das Flüchtlingsthema überwiegend in klaren, verständlichen Wörtern und benutzt mittellange Sätze.
Angela Merkel kommt ebenfalls auf den Themenkomplex Flüchtlingspolitik zu sprechen. Ihre Perspektive ist dabei jedoch immer die der erfahrenen Politikerin, die ihre reichhaltige Erfahrung als großen Vorteil präsentiert und mehrfach betont. Sie nennt zwar die Integration von Flüchtlingen als eines ihrer Ziele, wird jedoch nicht genauer in ihren Ausführungen. Es fällt auf, dass sie häufig die Vergangenheitsform verwendet, um zu beleuchten, was bisher erreicht wurde. So betont sie zugleich ihre eigenen Erfolge.

Thema: Gesellschaftlicher Zusammenhalt

Den Schwerpunkt ihrer Rede legt die Kanzlerin auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Zudem begründet sie, warum sie erneut kandidiert. In diesem Zusammenhang spricht sie von einer starken Polarisierung der Gesellschaft im Vergleich zum Jahr 2013. Sie geht auf die Leitgedanken des Menschenrechts und der Demokratie ein und verwendet wiederholt die Worte „Menschen“ und „Demokratie“ sowie „miteinander“, „Werte“, „Zusammenhalt“ und „gemeinsam“ und macht deutlich, dass Erfolge nur gemeinsam erzielt werden können.

Martin Schulz gebraucht vor allem Wörter wie „Vertrauen“, „Respekt“, „Stabilität“, um seine Ziele deutlich zu machen. Aus seiner Perspektive ist es die wichtigste Aufgabe der Politik, in den nächsten Jahren den Zusammenhalt in der Gesellschaft zu stärken. Diesem Thema widmet er 11,1 Prozent seiner gesamten Rede, was weniger als einem Viertel des Anteils in Angela Merkels Antrittsrede entspricht (46,6 Prozent bei Merkel). Es fällt zudem auf, dass bei ihm fast jeder Satz ein „wir“ enthält.

Thema: Soziale Gerechtigkeit

Laut Angela Merkel benötigt die Gesellschaft für eine „soziale Gerechtigkeit“ „Leitplanken“, insbesondere wenn es um wirtschaftliche Aspekte geht. Aus ihrer Sicht ist es wichtig, dafür das Vertrauen der Menschen zurückzugewinnen.
In diesem Zusammenhang verwendet sie in ihrer Rede ein zweites Mal das Wort „riesig“, um die Effekte einer gesellschaftlichen Polarisierung darzustellen.
Martin Schulz merkt ebenfalls an, dass es notwendig sei, die Gesellschaft gerechter zu gestalten. Er untermalt seine Ansichten, indem er Anaphern und Vergleiche verwendet und zeigt wiederholt Beispiele für die Ungerechtigkeit in der Gesellschaft auf. 5 Mal verwendet er insgesamt Sätze in der Art „Wenn … X, dann geht es nicht gerecht zu“.

 

 FAZIT

Angela Merkel versucht in ihrer Kandidaturrede durch Pragmatismus, Fakten und tendenziell komplizierte Sätze auf Hochdeutsch ihr Publikum zu erreichen.  Metaphern und Wiederholungen der Sachverhalte verwendet sie dabei reduziert, um wichtige Aussagen zu betonen.
Martin Schulz hingegen greift geradezu auf ein rhetorisches Feuerwerk zurück. Er weiß, wie man das Publikum durch das Einbringen persönlicher Geschichten mitreißen kann. Im direkten Vergleich mit Merkels förmlicher Sachlichkeit wirkt die Ansprache von Martin Schulz, die vorwiegend einfache Satzstrukturen enthält, fast locker, umgangssprachlich. Allerdings weisen Angela Merkels direkte und sachliche Formulierungen unverblümt auf Problemstellungen und deren Lösungsmöglichkeiten hin. Sie stellt sich selbst und dem Publikum Fragen, um auf zukünftige Herausforderungen hinzuweisen.

Auffällig ist, dass Angela Merkel im Gegensatz zu Martin Schulz keine konkreten Parteimitglieder erwähnt. Wenn, dann spricht sie von der CDU als Gesamtheit. Martin Schulz hingegen führt wiederholt die Leistungen einzelner SPD-Parteimitglieder an.
Bei einer INSA-Befragung vom 06.02.2017 gaben 31 Prozent der Befragten an, dass sie die SPD wählen würden, 30 % gaben an sie würden die CDU wählen. Es bleibt offen, inwiefern seine Antrittsrede zu diesen Ergebnissen beigetragen hat.

* Mit Framing bezeichnet Erving Goffmann das Einbetten eines Themas in ein bestimmtes Bedeutungsumfeld. Dabei wird durch eine eindeutige Themenstrukturierung die Wahrnehmung des Informationsprozesses vorgeben und geregelt. Im Hinblick darauf wurde vor allem betrachtet, wie genau die Inhalte dem Publikum vermittelt und welche sprachlichen sowie rhetorischen Mittel dabei verwendet wurden.

Haben Sie Fragen? Dann kontaktieren Sie uns per E-Mail unter mail@pressrelations.de oder per Telefon unter 0211 / 175 20 77 – 888.

Co-Autorin:

nicole-michaelisNicole Michaelis, Praktikantin bei pressrelations GmbH
Seit Januar 2017 ist Nicole Michaelis als Praktikantin bei pressrelations für die Analyse-Codierung, Produktion und Datenanalyse zuständig. Sie studiert Wirtschaftsmathematik (Bachelor) an der HTW Berlin.  Zuvor hat sie als freiberuflich im Cateringservice und selbständig als Geschäftsführerin (Café und Galerie) gearbeitet.

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Marija Maksimovic
Marija Maksimović aus Serbien ist Praktikantin bei preceptor. Im Rahmen ihres Praktikums unterstützt sie das Team u.a. bei der Analyse-Codierung, Produktion und Datenanalyse. Derzeit befindet sie sich im drittem Semester des Masterstudiums Angewandte Medienforschung an der TU Dresden und hat zuvor Journalistik in Serbien studiert und als Journalistin gearbeitet.

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